»Nein, geh ruhig. Vielleicht mache ich mich auf die Suche nach der zickigen Verkäuferin und lasse sie überprüfen, wann meine Vorhänge geliefert werden.«
So schnell sie konnte, ließ Beth die Kinderabteilung hinter sich und ging ans andere Ende der Etage, wo die Dekorateure von Bloomingdale’s regelmäßig eine Reihe von Musterzimmern aufbauten, jedes in einem anderen phantastischen Stil. Stets aufs Neue amüsierte sie sich köstlich über das Nebeneinander eines englischen Salons und der Bude eines Hip-Hop-Gangsters, dem Schlupfwinkel auf einer Insel und der Berghütte aus Colorado. Gewöhnlich erging es einer Menge anderer Leute genauso, doch heute Abend war die Abteilung geradezu verwaist. Sie schlenderte an einem schnittigen Hightecharbeitszimmer und einem Hampton-Strandhaus vorbei, bis sie ganz allein vor dem letzten Musterzimmer in der Reihe stehen blieb.
Was sollte das bedeuten? Irgendeine Szene aus einem Roman von Paul Bowles? Es erinnerte vage an marokkanisches Dekor, ein Phantasie-Boudoir, komplett mit Webteppichen, Ornamenten aus gehämmertem Kupfer und einem riesigen Bett, das teilweise von einem hauchzarten hellgelben Vorhang verdeckt war. Hinter einem Türbogen sah sie die bemalte Leinwand mit wellenförmigen Sanddünen, die silbrig im Mondlicht glitzerten. Der Künstler, dachte sie, hatte vorzügliche Arbeit geleistet, es war überraschend überzeugend.
Tatsächlich war die gesamte Einrichtung gut gelungen – und äußerst einladend. Viel zu einladend. Plötzlich schien die Müdigkeit in ihren Knochen noch größer zu werden, und die Augen wurden ihr schwer. Den ganzen Tag schon war sie müde gewesen, aber jetzt hatte sie das Gefühl, als würde sie jeden Augenblick zusammenbrechen. Sie musste sich hinlegen und die Augen schließen, und sei es nur für ein paar Minuten. Das Bett mit dem hauchzarten Vorhang war nur eine rote Absperrkordel weit entfernt.
Nein, das konnte sie nicht machen. Aber die Sehnsucht wurde rasch unwiderstehlich.
Und wer würde es schon merken? Es wäre ja nur für ein paar Minuten. Niemand war hier, niemand würde sie hinter dem Vorhang sehen, besonders, wenn sie sich beeilte. Wenn sie sich endlich entscheiden und es einfach machen würde.
Ehe sie recht wusste, was sie tat, hatte sie die Füße schon über das rote Absperrseil gehoben und tappte über die Webteppiche. Das Bett war massiv und hoch, und sie musste regelrecht hinaufklettern. Sie wusste, dass es verrückt war, trotzdem passte sie gut auf, damit sie die Bettdecke und die Vorhänge nicht durcheinanderbrachte. Das wäre nicht in Ordnung.
Die Decke musste aus der feinsten, weichsten Baumwolle gefertigt worden sein, die je gesponnen wurde, und die in Brokat gefassten Kissen waren perfekt arrangiert und schienen nur darauf zu warten, dass sie ihren müden Kopf und die schmerzenden Schultern darauf bettete. Nie zuvor in ihrem Leben war ein Bett so einladend, so bequem gewesen. Ich werde nur ein paar Minuten hier liegen bleiben, sagte sie sich. Sie würde ganz still liegen, versteckt hinter dem durchscheinenden Vorhang. Niemand würde es bemerken, niemand würde je davon erfahren.
Die Lider wurden ihr schwer. Die Dekorateure hatten einfach an alles gedacht und mussten sogar die Luft mit Düften bestäubt haben. Es roch nach … vom Regen gewaschenen Blättern. Beth empfand ein köstliches Gefühl des Wohlbehagens. Wenn sie doch nur ihre Schuhe ausziehen und unter das kühle glatte Laken schlüpfen könnte. Sie fühlte sich, als könnte sie ewig und unbehelligt schlafen, ohne durch schlechte Träume gestört zu werden.
Irgendwo in weiter Ferne meinte sie jemanden ihren Namen rufen zu hören. Aber sie war zu müde, um darauf zu reagieren.
Sie hörte ihren Namen erneut, etwas näher, und dieses Mal öffnete sie die Augen, gerade genug, um durch den Torbogen zu schauen, auf die gemalte Kulisse der endlosen wandernden Sanddünen. Jetzt konnte sie sehen, dass jemand oben auf der Düne stand. Im silbernen Licht des gemalten Mondes zeichneten sich die Umrisse eines Menschen ab.
Lächelnd schloss sie die Augen. Was für ein unglaublich talentierter Künstler. Vielleicht sollte sie herausfinden, wer es war. Er oder sie war zu gut, um Kulissen für ein Warenhaus zu malen.
Sie fragte sich, wo Carter wohl im Moment steckte. Wahrscheinlich im Krankenhaus, bei seinem armen Freund. Gott, wie furchtbar. Wenn Carter sich weiterhin die Schuld an den Ereignissen gab, würde es nur noch schlimmer. Sie wusste, dass er es tat, und sie kämpfte auf verlorenem Posten, um ihn vom Gegenteil zu überzeugen.
Erneut wurde ihr Name gerufen, und als sie dieses Mal zu den Dünen blickte, war die Gestalt wesentlich näher. Sie erkannte die Silhouette eines hochgewachsenen Mannes. Bedächtig und langsam ging er durch den Sand … und ihr schläfriger Verstand versuchte, das unter einen Hut zu bringen. Wie um alles in der Welt hatte der Künstler diesen Effekt hervorgerufen?
Sie wollte aufstehen und nachsehen, aber ihre Glieder fühlten sich an wie Blei. Ihr Kopf war so schwer, dass sie bezweifelte, dass sie ihn jemals wieder von dem verzierten Kissen würde heben können, auf dem er ruhte.
Der Mann kam immer noch näher, bis sein Schatten durch den gewölbten Torbogen fiel. Nach und nach wurden seine perfekt geschnittenen Züge klarer … In diesem Moment spürte sie, wie ihr Magen sich umdrehte, und schmeckte eine heiße Flut in ihrer Kehle.
»Beth«, hörte sie, »Hier steckst du!«
Sie drehte sich zur Seite, und da nichts anderes zur Stelle war, erbrach sie sich in einen glänzenden Messingtopf, der neben dem Bett aufgebaut war.
»O mein Gott!«, rief Abbie, und riss die hellgelben Vorhänge zurück. »Ach, du meine Güte!«
Beth erbrach sich erneut, unfähig, es zurückzuhalten.
»Holen Sie ein paar Handtücher«, befahl Abbie der Verkäuferin, die entgeistert neben ihr stand.
»Das ist absolut nicht erlaubt«, rief die junge Frau aus. »Die Musterzimmer dürfen nicht betreten werden, und …«
»Holen Sie mir ein verdammtes Handtuch«, schrie Abbie, ehe sie sich neben Beth aufs Bett setzte und ihr einen Arm um die Schultern legte. »War es das?«, fragte sie sanft. »Geht es dir jetzt besser?«
Beth nickte beschämt. Dann blickte sie zum gewölbten Torbogen und der gemalten Kulisse. Niemand war dort.
Die Verkäuferin kehrte mit einigen Ralph-Lauren-Handtüchern zurück und reichte sie missmutig an Abbie weiter. »Die werden Sie bezahlen müssen«, sagte sie.
»Fein. Setzen Sie sie mit auf die Rechnung, zusammen mit diesem Nachttopf.« Mit einem Zipfel des Handtuchs tupfte sie Beth das Kinn ab, dann reichte sie es ihr. Beth vergrub das Gesicht in dem tröstlich dicken Stoff und dachte Ich will hier nie wieder weg.
»Willst du dich wieder hinlegen?«, frage Abbie sie, »oder kannst du aufstehen?«
»Ich denke schon«, sagte Beth und klammerte sich immer noch an das Handtuch. Unsicher stand sie von dem Bett auf, während die Verkäuferin durch den Türbogen in beide Richtungen spähte.
»Ihr Freund ist schon gegangen«, sagte sie zu Beth.
»Wovon reden Sie da?«, erwiderte Abbie scharf.
»Hier war ein Mann«, antwortete die junge Frau, »aber der ist inzwischen verschwunden.« Sie blickte auf den beschmutzten Messingtopf. »Scheiße.«
Abbie legte den Arm um Beths Schulter und geleitete sie aus dem Musterzimmer. »Schicken Sie ihn mir nach Hause«, sagte sie. »Leer.«
Im Waschraum bat Beth Abbie, draußen zu warten, während sie sich frisch machte. Sie wollte allein sein, im Boden versinken und diesen ganzen Vorfall ungeschehen machen. Sie ließ das kalte Wasser laufen und spülte sich das Gesicht ab. Davon bekam sie schwarze Flecken unter den Augen, die sie anschließend mit dem neuen Handtuch fortwischen musste, das sie immer noch bei sich hatte. Was stimmte bloß nicht mit ihr? Sie erinnerte sich an den Traum, an diese Halluzination, dass ein Mann durch den Sand auf sie zukam. Aber hatte die Verkäuferin nicht gesagt, sie hätte ebenfalls jemanden gesehen?