Литмир - Электронная Библиотека

Später wurde die Leiche eines Mannes zur Reling geschleppt und ins Wasser geworfen. Reglos trieb sie ab.

Anscheinend war es an Bord zu einem weiteren Mord gekommen.

Das Boot stieß knirschend ans Ufer, die Besatzung holte die Riemen ein, und dann wurde ein kleiner Anker im harten Sand ausgebracht. Aus dem Lärmen der Männer und dem Klirren von Flaschen ließ sich schließen, daß alle ziemlich betrunken waren. Einer stolperte im nassen Sand und stützte sich auf das Dollbord des Bootes, während seine Gefährten davontrotteten.

Bolitho packte Keens Arm. Es war soweit. Die Männer mochten innerhalb einer Stunde zurückkommen, um sich mehr zu trinken zu holen oder um die Plätze mit ihren Spießgesellen an Bord der Eurotas zu tauschen.»Geben Sie Sergeant Quare das Zeichen zum Einsatz»,

befahl Bolitho.

Er blickte zum Himmel: bewölkt, aber nicht genug, um den Mond zu verbergen. Ein frischer Wind wehte, und das Zischen der Brandung und das Rauschen der Brecher am fernen Riff ermöglichten es ihnen, sich ungehört dem Schiff zu nähern.

Bolitho spähte in die Dunkelheit, aber die vielfältigen Schatten täuschten sein Wahrnehmungsvermögen. Er hörte seine Leute schwer atmen, als sie sich durch eine Rinne den Abhang hinuntertasteten. Blissett kroch schon auf das Boot zu, zur Tarnung ganz mit Sand bedeckt, den sie ihm mit kostbarem Wasser an den Körper geklebt hatten. Nur die unendliche Reihe schäumender Wellen trennte das Land vom Meer, vor dem sich das Langboot wie ein gestrandeter Walkadaver abhob.

Bolitho starrte zu dem Schiff hinüber. Es hatte keine Ankerlichter gesetzt, aber er nahm einen schwachen Schimmer hinter einigen Stückpforten wahr und wußte, daß dort die noch vorhandenen Geschütze standen. Mit Schrapnell geladen, würden sie mit jedem unvorsichtigen Angreifer kurzen Prozeß machen. Aber es waren keine Enternetze ausgespannt. Wenn sie erst längsseit waren, mochten ihre Chancen besser stehen. Er erstarrte, als er etwas wie ein trockenes Husten hörte. Dann sagte Quare heiser:»Geschafft, Sir. «Es klang befriedigt.

Bolitho zog seinen Degen und stand auf. Die zweihundert Schritte das letzte Stück Abhang hinunter würden sie unsichtbar sein. Er führte seine Gruppe auf den Strand zu, unter seinen Schuhen knirschten lose Steine. Die Seeleute bildeten eine offene Linie hinter ihm, die meisten hielten sich geduckt, als ob sie mit einer plötzlichen Musketensalve rechneten.

Das war bisher der schlimmste Teil. Bolitho versuchte, nicht an die Musketen und Pistolen zu denken, die jetzt alle geladen und gespannt waren, nicht an das Klirren von Äxten und Entermessern.

Überrascht drehte er sich um, als er hinter sich einen Mann gelassen vor sich hinsummen hörte. Es war der Amerikaner Jenner, der in seinem gewohnten ausgreifenden Schritt vorging und dem das Haar in die Augen hing. Er bemerkte Bolithos Blicke und nickte zuversichtlich.»Eine Nacht wie für uns geschaffen, Sir.»

Hinter Jenner folgte der Neger Orlando; das Enterbeil auf seiner Schulter nahm sich wie ein Kinderspielzeug aus. Plötzlich stand Bolitho neben dem Boot, während die Matrosen sich eng um ihn scharten, wie es ihnen befohlen worden war.

Blissett, der Kundschafter, nahm von Quare seine Muskete entgegen und sah Bolitho an.»ich habe ihn liegen lassen, Sir. «Er stieß den im Sand liegenden Toten mit dem Fuß an.»Er hatte nichts bei sich außer seinen Waffen. Nicht zu erkennen, wer er ist.»

Bolitho sah auf den Toten hinab. Neben Kopf und Schultern war der Sand schwarz, wo das Blut versickert war. Er zwang sich, neben dem Toten niederzuknien, um ihn zu durchsuchen. Der Mond trat kurz hinter den Wolken hervor, und in seinem Licht funkelten die Augen des Mannes, als ob sie ihn zurückweisen wollten. Seine Kleidung war dürftig und abgetragen, aber der Gürtel mit Pistole und Entermesser war in gutem Zustand.

Bolitho tastete Handgelenk und Arm ab. Die Haut war noch warm, der Arm muskulös, ohne überflüssiges Fett. Also ein Matrose. Langsam stand Bolitho auf. Keen flüsterte atemlos:

«Ich habe meine Gruppe um das Boot versammelt.«»Bringt es zu Wasser.»

Bolitho trat zurück und blickte zu dem Schiff hinüber, während zwei Gruppen seiner Leute das Boot ins seichte Wasser schoben. Vorher waren meistens fünf Mann in dem Boot gewesen, nie mehr als sechs. Er beobachtete, wie die ausgewählten Matrosen über die Bordwand kletterten und die Riemen auslegten, die sie mit alten Verpflegungssäcken und Stoffetzen umwickelten, um den Lärm zu dämpfen. Er sah, wie Miller dem Getöteten das Hemd herunterriß, wobei er sich mit einem Fuß gegen die Leiche stemmte, um besseren Halt zu finden.

Miller war wahrscheinlich mehr als jeder andere in seinem Element. Er hatte den Krieg und gefährliche Nahkampfunternehmen, Geschützfeuer und manchen riskanten Einsatz überstanden, ohne auch nur einen Kratzer davonzutragen. Als Bootsmannsmaat überragte er den Durchschnitt weit. Doch im Kampf von Mann zu Mann zeigte er sich von einer anderen Seite: als Killer.

Allday sagte:»Ich übernehme die Ruderpinne. «Er sah Bolitho an.»Sind Sie bereit, Captain?«Seine Stimme klang so unbeteiligt, als ginge es zu einer Spazierfahrt. Bolitho kannte ihn gut genug, um zu wissen, was sich hinter der Gelassenheit verbarg. Wie bei ihm selbst waren Alldays Nerven scharf angespannt. Erst wenn es um die endgültige Entscheidung ging, würde er seine wahre Natur zeigen. Das Boot hob und senkte sich auf den Wellen, die Männer schoben es in tieferes Wasser, während weitere Leute hineinkletterten und sich flach auf dem Boden ausstreckten.»Genug«, befahl Bolitho und sah sich nach Quare und Midshipman Swift um.»Bleiben Sie mit den übrigen Männern außer Sicht, wenn Sie können. Falls noch weitere Piraten von Land her auftauchen, dann wissen Sie, was Sie zu tun haben.»

Er nickte dem Sergeanten zu. Die Arbeit der Marinesoldaten war getan, und wenn der Angriff fehlschlug, sollten Quare und seine kleine Gruppe sich versteckt halten und warten, bis Herrick sie abholte.

Als letzter kletterte er selbst in das Boot, den blanken Degen gegen die Brust gepreßt.

Allday beugte sich vor.»Ablegen«, befahl er.»Nicht so laut, ihr Mistkerle!»

Die Wolkendecke war inzwischen dichter geworden. Das mochte einen tropischen Regenguß ankündigen, aber bis dahin würde noch einige Zeit vergehen. Bolitho verdrängte seine Zweifel. Wenn er auf Regen warten wollte, um ihre Annäherung besser zu tarnen, konnte es womöglich ewig dauern. Er musterte die keuchenden Männer an den Riemen. Das Boot hatte erst wenige Meter zurückgelegt, und schon fanden sie es mühsam, die reglose Last ihrer Passagiere zu befördern. Wenn er den Angriff jetzt abgebrochen hätte, wären sie nicht wieder für den Kampf zu begeistern gewesen.

Keen fragte flüsternd:»Soll ich die Schwimmer jetzt losschicken, Sir?»

Bolitho nickte; zwei Gestalten, deren nackte Körper in dem stark gedämpften Mondlicht nur schwach schimmerten, erhoben sich und glitten über die Bordwand, fast ohne ein Plätschern zu verursachen.

Bei der Lagebesprechung auf der Insel hatte alles gefährlich und schwer ausführbar geklungen. Aber jetzt schien es unmöglich zu sein. Bolitho riß seinen Blick von den Schwimmern los und konzentrierte sich auf das Schiff. Nun wirkte es massig und schien schon dicht vor ihnen zu liegen. Ganz bestimmt würde sie bald jemand anrufen. Vielleicht waren sie auch schon gesehen und erkannt worden, und die Geschütze wurden in aller Stille auf sie gerichtet. Bolitho hörte einen der Ruderer fluchen und gleich darauf erschreckt keuchen, als sich im Wasser etwas zwischen Bootswand und seinen Riemen wälzte. Es war eine Leiche, die sich auf den Rücken drehte, wie es ein Schläfer im Bett tun mochte: der Tote, der über Bord geworfen worden war und den die Strömung dem Ufer zutrieb, statt aus der Bucht hinaus.

«Langsamer, Allday.»

Bolitho griff nach der Pistole in seinem Gürtel. Sie mußten den Schwimmern Zeit lassen, das Ankertau zu erreichen und unentdeckt an Bord zu klettern. Es ging alles viel zu glatt.

22
{"b":"113132","o":1}