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»Wenn ich Sie richtig verstanden habe«, antwortete Ralph, »sind meine Träume zusammenhängend.«

»Gut. Ich möchte auch noch wissen, ob es lichte Träume sind. Lichte Träume erfüllen zwei Voraussetzungen. Erstens, man weiß, daß man träumt. Zweitens, man kann häufig den Verlauf beeinflussen, den der Traum nimmt - man ist mehr als nur ein passiver Beobachter.«

Ralph nickte. »Klar, die habe ich auch. Tatsächlich scheine ich in letzter Zeit eine ganze Menge davon zu haben. Ich mußte gerade an einen denken, den ich letzte Nacht hatte. Darin ist eine streunende Hündin, die ich ab und zu auf der Straße sehe, mit einem Frisbee davongelaufen, mit dem Freunde von mir und ich gespielt hatten. Ich war wütend, weil sie das Spiel unterbrochen hatte, und wollte sie dazu bringen, den Frisbee fallenzulassen, indem ich ihr einfach den Gedanken hinterherschickte. Eine Art telepathischen Befehl, verstehen Sie?«

Er stieß ein leises, verlegenes Kichern aus, aber Wyzer nickte nur nüchtern. »Hat es funktioniert?«

»Diesmal nicht«, sagte Ralph. »Aber ich glaube, in anderen Träumen ist es mir schon gelungen. Aber sicher bin ich nicht, denn die meisten Träume scheinen gleich nach dem Aufwachen zu verschwinden.«

»Das ist bei allen so«, sagte Wyzer. »Das Gehirn behandelt Träume als Abfallprodukte, die in einem extremen Kurzzeitgedächtnis gespeichert werden.«

»Sie wissen eine Menge darüber, was?«

»Schlaflosigkeit interessiert mich sehr. Als ich am College war, habe ich zwei Forschungsarbeiten über den Zusammenhang zwischen Träumen und Schlafstörungen gemacht.« Wyzer sah auf die Uhr. »Ich habe jetzt Pause. Möchten Sie gerne eine Tasse Kaffee und ein Stück Apfelkuchen mit mir zu sich nehmen? Es gibt ein Cafe gleich zwei Türen weiter, und der Kuchen ist phantastisch.«

»Hört sich nicht schlecht an, aber ich begnüge mich mit einer Orangenlimo. Ich versuche, meinen Kaffeekonsum einzuschränken.«

»Verständlich, aber vollkommen nutzlos«, sagte Wyzer fröhlich. »Koffein ist nicht Ihr Problem, Ralph.«

»Nein, wahrscheinlich nicht… aber was dann?« Bis zu diesem Punkt war es Ralph erfolgreich gelungen, das Elend aus seiner Stimme herauszuhalten, aber jetzt stahl es sich wieder hinein.

Wyzer klopfte ihm auf die Schulter und sah ihn freundlich an. »Darüber«, sagte er, »werden wir uns jetzt unterhalten. Kommen Sie.«

Kapitel 5

»Betrachten Sie es einmal auf diese Weise«, empfahl Wyzer fünf Minuten später. Sie befanden sich in einem New-Age-Imbiß namens Day Break, Sun Down. Das Innere war ein wenig zu grün für Ralphs Geschmack, der eher für altmodische Imbißbuden schwärmte, in denen Chrom glänzte und wo es nach Fett roch, aber der Kuchen war gut, und der Kaffee entsprach zwar nicht den Maßstäben von Lois Chasse - Lois machte den besten Kaffee, den er je getrunken hatte -, aber er war heiß und stark.

»Und welche Weise wäre das?« fragte Ralph.

»Es gibt bestimmte Dinge, nach denen die Menschheit strebt. Nicht das, worüber in den Geschichts-und Staatsbürgerkundebüchern geschrieben wird, jedenfalls zum überwiegenden Teil; ich spreche hier von den grundsätzlichen Dingen. Ein Dach über dem Kopf. Drei Herdplatten und ein Bett. Ein anständiges Liebesleben. Gesunde Eingeweide. Aber das wichtigste von allen ist wahrscheinlich das, was Ihnen fehlt, mein Freund. Denn nichts auf der Welt geht über einen gesunden Schlaf, oder?«

»Mann, da haben Sie völlig recht«, sagte Ralph.

Wyzer nickte. »Schlaf ist der Held, der übersehen wird, der Arzt des armen Mannes. Shakespeare nannte ihn den Faden, der den zerrissenen Ärmel der Sorge flickt, Napoleon nannte ihn das segensreiche Ende der Nacht, und Winston Churchill -einer der großen Schlaflosen des zwanzigsten Jahrhunderts -bezeichnete ihn als einzige Erleichterung von seinen tiefen Depressionen. Das hatte ich alles in meinen Arbeiten zitiert, aber worauf die ganzen Zitate letztendlich hinauslaufen, ist das, was ich gerade gesagt habe: Nichts auf der Welt kommt einem gesunden Schlaf gleich.«

»Sie haben das Problem selbst gehabt, richtig?« fragte Ralph plötzlich. »Haben Sie mich deshalb… nun… deshalb unter Ihre Fittiche genommen?«

Joe Wyzer grinste. »Habe ich das denn?«

»Ja, ich glaube schon.«

»Nun, damit kann ich leben. Die Antwort ist ja. Ich habe, seit ich dreizehn Jahre alt war, an Schlaflosigkeit gelitten. Darum habe ich nicht nur eine Forschungsarbeit über das Thema geschrieben, sondern zwei.«

»Und wie geht es Ihnen heute?«

Wyzer zuckte die Achseln. »Bis jetzt war es ein ziemlich gutes Jahr. Nicht das beste, aber ich bin zufrieden. Als ich Anfang Zwanzig war, war das Problem zwei Jahre lang akut - ich ging um zehn Uhr ins Bett, schlief gegen vier Uhr ein, stand um sieben wieder auf, schleppte mich durch den Tag und fühlte mich wie eine Nebenrolle im Alptraum eines anderen.«

Das kam Ralph so bekannt vor, daß er Gänsehaut auf Rücken und Oberarmen bekam.

»Und jetzt kommt das Wichtigste, das ich Ihnen erzählen kann, Ralph, also hören Sie gut zu.«

»Mach ich.«

»Sie müssen sich darauf konzentrieren, daß es Ihnen im Grunde genommen immer noch gut geht, obwohl Sie sich meistens beschissen fühlen. Nicht jeder Schlaf ist gleich, wissen Sie es gibt guten Schlaf und schlechten Schlaf. Wenn Sie immer noch zusammenhängende Träume haben, und was noch wichtiger ist, lichte Träume, dann haben Sie immer noch guten Schlaf. Und deswegen wäre ein Rezept für Schlaftabletten momentan das Schlechteste auf der Welt für Sie. Und ich kenne Litchfield. Er ist ein netter Kerl, aber er liebt seinen Rezeptblock.«

»Das können Sie laut sagen«, erwiderte Ralph, der an Carolyn dachte.

»Wenn Sie Litchfield erzählen, was Sie mir auf dem Weg hierher erzählt haben, verschreibt er Ihnen ein Benzodiazepin wahrscheinlich Dalmane oder Restoril, vielleicht auch Halcion oder sogar Valium. Sie werden schlafen, aber Sie werden den Preis dafür bezahlen. Benzodiazepine machen süchtig, sie wirken atmungslähmend und, was wahrscheinlich am schlimmsten ist, sie reduzieren bei Leuten wie Ihnen und mir deutlich den REM-Schlaf. Mit anderen Worten, den Traumschlaf.

Wie schmeckt der Kuchen? Ich frage nur, weil Sie ihn kaum angerührt haben.«

Ralph biß einmal kräftig ab und schluckte ohne zu schmecken.

»Gut«, sagte er. »Und jetzt verraten Sie mir, warum man Träume haben muß, damit Schlaf guter Schlaf ist.«

»Wenn ich das beantworten könnte, würde ich mich vom Tablettenverkaufen zurückziehen und Schlafguru werden.« Wyzer hatte seinen Kuchen gegessen und benützte die Kuppe des Zeigefingers, um die größeren Krümel vom Teller zu picken. »REM bedeutet Rapid Eye Movement, und nach Meinung der Öffentlichkeit sind REM-Schlaf und Traumschlaf ein und dasselbe, aber niemand weiß, in welchem Zusammenhang die Augenbewegungen der Schlafenden mit ihren Träumen stehen. Es scheint unwahrscheinlich, daß die Augenbewegungen >beobachten< oder >nachsehen< anzeigen, denn Traumforscher können jede Menge davon nachweisen, auch wenn die Schlafenden später behaupten, daß sie vergleichsweise statische Träume hatten, beispielsweise Unterredungen wie unsere jetzt. Ebenso scheint niemand zu wissen, warum ein deutlicher Zusammenhang zwischen lichten, zusammenhängenden Träumen und allgemeiner geistiger Gesundheit zu bestehen scheint: Je mehr derartige Träume jemand hat, desto besser scheint seine Verfassung zu sein, je weniger er hat, desto schlechter. Da besteht ein echter Zusammenhang.«

»Geistige Gesundheit ist ein ziemlich vager Ausdruck«, sagte Ralph skeptisch.

»Ja.« Wyzer grinste. »Dabei muß ich an einen Stoßstangenaufkleber denken, den ich vor ein paar Jahren einmal gesehen habe - FÖRDERT DIE GEISTIGE GESUNDHEIT ODER ICH BRING EUCH UM. Wie auch immer, wir sprechen hier von einigen grundlegenden, meßbaren Komponenten: kognitive Fähigkeit, die Fähigkeit, Probleme zu lösen, sei es durch induktive oder deduktive Methoden, die Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, Gedächtnis…«

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